Anfang der 10er Jahre wurde ein neuer Typus Lehrkraft geboren: Der der ehemaligen Schüler:innen. Was anfangs wie ein unwahrscheinlicher Einzelfall anmutete, hat mittlerweile Methode. Das RLG zählt inzwischen neun solcher Fälle und weitere stehen bereits in den Startlöchern. Dass die Rückholaktionen so häufig klappen und dass das RLG ein Ort ist, an den man gerne zurückkehrt, ist natürlich zu einem großen Anteil Herr Treptows Verdienst. Wir Ehemalige sind dem Alten sehr dankbar für diese Möglichkeit der Rückkehr an diesen von uns so sehr geliebten Ort.
Wie es sich anfühlen kann, vom Schüler-Team ins Lehrkräfte-Team zu wechseln, illustriert der folgende Text. In ungekürzter Fassung erschien er 2016 in der Festschrift zum 25jährigen Bestehen des neuen Gymnasiums an der Kissingenstraße „25 von 109“ und wurde von zwei ehemaligen Schülern, die nun Lehrer am RLG sind, verfasst.
Seitenwechsel
Es ist der 25.6.2002 und vier Jahre bevor im Zuge des Heimturniers der Begriff des Public Viewings eigentlich erst erfunden beziehungsweise mindestens neu definiert wird, weht zum ersten Mal seit 1996 wieder ein Hauch von kollektiver Fußballbegeisterung durch das Land, denn die nicht ganz zu Unrecht als Rumpelfußballklub verschriene deutsche Nationalmannschaft hatte es irgendwie in das Halbfinale der Fußball-WM in Japan und Südkorea geschafft. Für uns frisch pubertierende und daher eigentlich mit anderen Dingen beschäftigte Sechst- beziehungsweise Siebtklässler bedeutet das dank eines fußballbegeisterten Schulleiters und den in der mitteleuropäischen Zeitzone am Vormittag stattfindenden Spielen vor allem eins: drei Stunden Ausfall!
Die Schulleitung hat ein gemeinschaftliches Fußballschauen angeordnet, immerhin geht es um den Einzug ins Finale. Der nicht ganz unproblematische Ort dieser Veranstaltung soll die damals kurz vor der Sanierung stehende Aula sein und es dauert nicht lange, bis ein durch Hören-Sagen katalysiertes Gerücht zu einer für uns unumstößlichen Wahrheit heranreift. Es dürfe im Falle eines Tores nicht zu laut gejubelt werden, da die Achillesferse des RLO schließlich einsturzgefährdet sei. Okay, denken wir, kein Problem, das sollte doch zu schaffen sein!
Das Spiel verläuft dann aber doch knapper, als es der vermeintlich kleine Name des Gegners vermuten lässt und als Michael Ballack in der 75. Minute den Südkoreanern das erlösende 1:0 einschenkt, entlädt sich die kontinuierlich gesteigerte Anspannung aller Fünft- bis Zwölftklässler in unkontrollierbarer Art und Weise. An das Jubelverbot kann und will sich in dieser Situation niemand mehr halten und wir haben Glück, dass nicht noch mehr Tore fallen: Die Deutschen kommen ins Finale und wir lebendig aus der Aula.
Zwölf beziehungsweise dreizehn Jahre später stehen wir wieder in der Aula, diesmal mit einem Blumenstrauß in der Hand, auf einer Bühne vor sämtlichen Lehrern und in einer Umgebung, die uns eher an die hypermoderne Konzerthalle Huxleys in Berlin Neukölln, als an den maroden, unbejubelbaren Festsaal, in dem wir damals verbotener Weise das Tor von Michi Ballack feierten, erinnert. Und doch müssen wir in diesem Moment an jenes prägende Ereignis vom Juni 2002, mit dem für uns endgültig die spannende Gymnasiastenzeit eingeläutet wurde, denken und können halb lachend, halb hyperventilierend noch gar nicht so richtig fassen, was hier gerade geschieht. Sind wir wirklich im Begriff, unser Referendariat an unserer alten Schule zu beginnen? Wie konnte das passieren? […]
Nach dem Herzschlag-Halbfinale, das dann tragischer-, aber irgendwie auch verdienterweise nicht durch einen WM-Triumph gekrönt werden konnte, standen uns noch sechs Jahre Leben und Lernen am RLO bevor.
[…]
Neben dem außergewöhnlichen Schulklima […] prägten uns in unserer Schulzeit vor allem diejenigen Ideen und Werte, die am Rosa auch heute noch großen Raum einnehmen. Zum einen gehörten soziales und schulpolitisches Engagement zum guten Ton. So war das Amt des Klassensprechers eine recht erstrebenswerte Position, die ein hohes Ansehen in der Schülergemeinschaft besaß. Zum anderen schienen die Lehrerinnen und Lehrer des RLOs auch vor den großen Bildungsreformen, die auf den PISA-Schock im Jahre 2000 folgend durchgeführt wurden, mehr kooperationsbereite, wohlgesonnene Partner als bekämpfungswürdige Gegner zu sein.
Dieses Gesamtpaket war es schließlich, was die Schule für uns damals zu einem „Place to be“ und nicht zu einem „Place to leave“ machte.
Trotzdem hätten wir, als wir an einem frühen Morgen im Juli 2008 leicht torkelnd eine pragmatische Mehrzweckhalle in Berlin-Lichtenberg verließen, in der ein verlorenes EM-Finale unseren Abiball soeben nur ganz knapp nicht versaut hatte, jeden Menschen für verrückt erklärt, der uns gesagt hätte, wir würden eines Tages an das Rosa-Luxemburg zurückkehren. Dieses Kapitel schien irgendwie abgeschlossen, seine Weiterschreibung noch nicht denkbar. Und doch war diese Schule sicherlich mitverantwortlich für unseren Entschluss, Lehrer zu werden. Nicht etwa, um es besser zu machen als unsere Lehrer, sondern weil diese bei uns damals den Eindruck erweckten, einen coolen Beruf mit viel ehrlicher Freude auszuüben.
Dass wir den Referendarbegrüßungsblumenstrauß schließlich tatsächlich in der wohlbekannten Aula des inzwischen umbenannten Rosa-Luxemburg-Gymnasiums entgegennehmen […] wäre […] ohne eine tiefe positive Verbindung zu der Schule nicht möglich gewesen.
Inzwischen sind nun schon einige Monate ins Land gezogen und unsere Situation fühlt sich längst nicht mehr so surreal an, wie noch zu besagter Begrüßungsveranstaltung für neue Kollegen […]. Wir kennen nun zwei völlig verschiedene Rosa-Luxemburg-Gymnasien und können zufrieden feststellen: Wir fühlen uns an beiden Schulen ziemlich wohl!
Und wenn wir bemerken, dass wir mittlerweile doch schon ganz schön typische Spieler des Lehrervereins geworden sind, erinnern wir uns daran, dass wir auch mal auf der Seite der Schüler gespielt haben. Zum Beispiel indem wir in einer ruhigen Minute […] die Aula aufsuchen und – einfach weil wir es heute dürfen – mal so richtig laut jubeln. Ein nachträgliches Jubeln über ein gewonnenes Halbfinale 2002, ein Jubeln über eine in ihrer Unbeschwertheit verdammt erinnerungswürdige Schulzeit und schließlich ein Jubeln über einen bis hierhin ziemlich gelungenen Seitenwechsel.
Jan Dietrich und Joseph Brinkmann, Schüler der Rosa-Luxemburg-Oberschule von 2000 bzw. 2001 bis 2008 und unterrichtend am Rosa-Luxemburg-Gymnasium seit 2015 bzw. 2014.